Polyphonie – verstanden als Vielstimmigkeit – bildet den Ausgangspunkt einer Reihe kollektiver Forschungsaktivitäten, initiiert von Barbara Preisig. Ausgehend von seinem musikalischen Ursprung lädt das Konzept dazu ein, Kunstwerke als Räume zu denken, in denen sich multiple Perspektiven und Erfahrungen gleichzeitig entfalten. Als spekulatives Werkzeug hinterfragt Polyphonie die Idee monophoner Autor*innenschaft und versteht Kunsterfahrungen als verflochtene, verkörperte und geteilte Prozesse.
Das Konzept der Polyphonie bildet die gemeinsame Grundlage für eine Reihe von kollektiven Forschungsaktivitäten, die Barbara Preisig für das Institute for Contemporary Art Research organisiert. In der Musiktheorie bezeichnet „Polyphonie“ eine mehrstimmige Komposition, die aus zwei oder mehr gleichberechtigten Melodien besteht. In anderen Künsten lässt sich Polyphonie als eine Ansammlung mehrerer Personen oder Sprecher:innenpositionen in einem Werk verstehen, die sowohl Harmonie und Einklang als auch Dissonanz oder Kakophonie erzeugen kann. Das zentrale Prinzip der Polyphonie besteht darin, dass alle Stimmen gleichberechtigt sind, was dem Konzept einen utopischen Charakter verleiht. Es ermöglicht die Vorstellung einer Gesellschaft, in der gleichberechtigtes Sprechen und Zuhören möglich ist und Unterschiede anerkannt werden.
Wie lässt sich nun das Konzept der „Vielfalt von Klängen“ oder „Stimmen“ auf den Bereich der Kunst übertragen? Kann ein Gemälde, ein Film oder eine Performance mit mehreren Stimmen sprechen? Oder ergibt sich Vielstimmigkeit aus den unterschiedlichen Weisen der Rezeption? Welche Art von Aufmerksamkeit ist erforderlich, um eine Polyphonie wahrzunehmen? Wie würde eine polyphone Feldforschung aussehen? Ist Zuhören eine Forschungsmethode?
Mit diesen Fragen im Kopf entwickeln wir Forschungsinitiativen mit unterschiedlichen Kollaborateur:innen, in denen wir oft vernachlässigte relationale, auditive und rezeptive Aspekte der Kunst erproben und reflektieren. Wir untersuchen, wie Polyphonie als Wahrnehmungsinstrument – und nicht als definierender Begriff – einen spekulativen Ansatz für Kunst als Raum verflochtener, gemeinsamer Erfahrungen bieten kann und dabei hilft, alte, aber immer noch gültige Annahmen zu untergraben. Dazu gehören beispielsweise die Vorstellung einzelner, klar zentrierter Autor:innenschaft oder die klare Trennung zwischen Produktion und Rezeption.