Das IMR ist ein Forschungsinstitut an einer Kunsthochschule und betreibt deshalb praxisorientierte Forschung. Im Mittelpunkt steht dabei der Mensch in seinem musikalischen Tun. Unsere Hauptaufmerksamkeit gilt folglich den Musikstudierenden, Performer:innen und Musikpädagog:innen. Die verschiedenen Forschungsfelder des IMR fokussieren primär auf den Prozess des Probens und Einstudierens, Konzertierens beziehungsweise Interpretierens oder Improvisierens sowie die Wirkung der entstandenen Musik auf Zuhörende. Wir analysieren aber auch das Kunstwerk als Objekt und seine Entstehungsbedingungen, beispielsweise bei der analytischen Dechiffrierung einer dodekaphonen Komposition und ihrer historischen Einordnung. Diese Forschungsbemühungen dienen einerseits dazu, unseren Studierenden die berührende, begeisternde und quasi existentielle Erfahrung von Musik aller Epochen zu erschliessen. Andererseits sollen sie dadurch befähigt werden, diese Erfahrung ihrerseits kompetent vermitteln zu können. Weiter wollen wir mit unserer Arbeit eine solide und der individuellen Gesundheit zuträgliche Musikpraxis sowie eine reflektierte Musikpädagogik fördern. So wollen wir die Erfolgschancen von Musiker:innen in einem hochkompetitiven und ökonomisch schwierigen nationalen wie internationalen Umfeld maximieren. Gleichzeitig reflektieren wir die kulturellen Rahmenbedingungen und Praktiken, in denen sie sich als Künstler:innen und Pädagog:innen bewegen.
Eine besondere Stärke des IMR liegt in seiner transversalen Forschung. Sie entfaltet sich, wenn unterschiedliche Forschungsansätze in direktem Austausch stehen. Diese Ausrichtung stellt sicher, dass die Musiker:innen und der gesamte Prozess der professionellen Musikausübung multidimensional, das heisst aus verschiedenen disziplinären Perspektiven und mit einer Vielfalt an Methoden, untersucht werden. Dadurch sollen Erfolgspotenziale im Musikerberuf vervielfacht oder neu erschlossen sowie tradierte Praktiken bestätigt oder widerlegt werden. Unsere Forschungsarbeit trägt somit dazu bei, die komplexe Praxis der Musiker:innen angemessen zu erfassen.
Die Forschung am IMR findet seit seiner Gründung in Teams statt, die sich aus Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen und aus Künstler:innen zusammensetzen. So sorgen wir nicht nur für einen hohen akademischen Forschungsstandard, sondern stellen auch sicher, dass sie für die Lehre und die künstlerische Praxis relevant ist. Musik und Musiker:innen sind in sich und in ihren Beziehungen zueinander äusserst komplex und facettenreich. Dementsprechend breit ist die über Jahrzehnte entstandene multidisziplinäre Forschungsauffassung des IMR. Historische, musikphysiologische, musiktheoretische, musikpädagogische, ästhetische, musiktherapeutische und musiksoziologische Forschung sowie psychologische und naturwissenschaftliche Ansätze werden mit ihren vielfältigen Methoden parallel unter einem Dach betrieben. Unsere Forschungssystematik beruht auf drei Ansätzen. Sie können sich nacheinander oder parallel entfalten, nutzen jeweils eigene Methoden und bleiben dennoch durchlässig und im Austausch miteinander.
Der erste Forschungsansatz untersucht Musik und deren historische Aufführungspraktiken im musikhistorischen und musikanalytischen Kontext. Unsere Ergebnisse stellen wir Studierenden und Dozierenden, Interpret:innen, Komponist:innen und Forschenden sowie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung. Sie dienen als Anregung und Werkzeug für die tägliche Musikpraxis und deren Weiterentwicklung.
Der zweite Forschungsansatz richtet den Blick auf die Praxis der individuellen Musiker:innen: Er erforscht, wie sie ihr künstlerisches Wirken beim Komponieren, Unterrichten oder Musizieren erleben, kontextualisieren und deuten.
Der dritte Forschungsansatz greift diese praktischen Erfahrungen auf und untersucht sie wissenschaftlich weiter – etwa unter pädagogischen, physiologischen, psychologischen und musiktherapeutischen Aspekten, die die musikalische Praxis fördern oder behindern können. Er bietet also Erklärungen und Lösungsansätze für Probleme, die unmittelbar aus der Praxis entstehen.
Ein aktuelles Beispiel verdeutlicht die Notwendigkeit dieser transversalen Arbeitsweise: Der erste Forschungszugang liefert Erkenntnisse zur stilgerechten Intonationspraxis. Eine Violinistin nutzt dieses Wissen, um für ihre Abschlussprüfung ein Solo-Rezital vorzubereiten, das barocke Intonationskonzepte hörbar macht. Während der Vorbereitung bemerkt sie jedoch Unsicherheiten in Präzision und Stabilität ihrer Intonation. Weil Intonationskonzepte in der Praxis selten systematisch gelehrt und gelernt werden, kann sie diese Schwierigkeiten nicht einordnen, was zu wachsender Anspannung und übermässigem Üben führt. Hier setzt der dritte Forschungszugang an. Er untersucht die Grenzen der Intonationswahrnehmung, den Einfluss von Aufführungswiederholungen und Stressmanagement auf Bühnenangst sowie das Potenzial neuer Technologien, die Musiker:innen beim Erlernen differenzierter Intonationsvorstellungen unterstützen können. Durch die Verbindung dieser Perspektiven – historisch informierte Aufführungspraxis, individuelle künstlerische Umsetzung sowie musikphysiologische und -psychologische Forschung – entsteht ein umfassendes Verständnis musikalischer Praxis.