Vorhersagen prägen die Gegenwart, indem sie bestimmte Zukunftsszenarien legitimieren und andere marginalisieren. Während politisches und wissenschaftliches Denken seit langem auf Vorhersagen als Form der Schlussfolgerung setzt, erfordert die heutige Allgegenwart prädiktiver Modelle spezifische kritische Rahmen. Dieses Projekt entwickelt dafür eine Ästhetik der Vorhersage und untersucht, anhand politisch-epistemologischer und künstlerischer Forschung zu ökologischen Katastrophen und politischen Konflikten, wie prädiktives Wissen zum Tragen kommt.
Predictive Aesthetics bezieht sich auf die Konfigurationen von Wissen und Artefakten, durch die bestimmte Zukunftsszenarien wahrnehmbar und umsetzbar werden. Sie untersucht die Bedingungen, unter denen inferentielle Aussagen Autorität erlangen und präemptiv Handeln legitimieren. Da Vorhersagen auf subjektiven Lesarten der Geschichte beruhen, konzentriert sich das Projekt auf die Prozesse, die Prognosen lesbar und objektiv erscheinen lassen.
Prädiktive Systeme etablieren sich zunehmend in wissenschaftlichen und politischen Bereichen wie der Klimaforschung und der Sicherheit. In diesem Rahmen beobachten wir den Einsatz von Beweisführung zu operativen Zwecken und als Teil dessen, was Fuller und Weizman als investigative Ästhetik bezeichnet haben. Rechtliche und technische Instrumente zur Rekonstruktion von Ereignissen werden von präventiven Modalitäten subsumiert, die Maßnahmen im Vorfeld von Ereignissen legitimieren. Die forensische Logik dient jetzt auch dazu, Ereignisse zu bestimmen, bevor sie stattfinden. Das Projekt zielt darauf ab, die Implikationen dieser Neuausrichtung der forensischen Modalität hin zur Prävention zu untersuchen. Wie kann eine prädiktive Ästhetik die Automatisierung und Projektion des forensischen Blicks beschreiben?
Das Projekt verortet prädiktive Systeme innerhalb breiterer Regime der Wissensproduktion und im Bereich politischer Konflikte. In diesem Feld lassen sich KI-Systeme als eine Form generativer Geschichtsschreibung verstehen, die auf extraktiven kapitalistischen Operationen gründet und nach spezifischen hegemonialen Horizonten ausgerichtet ist. Diese Systeme erstellen Ordnungen historisches Materials, die bestimmte Zukünfte plausibel erscheinen lassen. Was bedeutet es wenn diese Systeme in Domänen wie beispielsweise der Migrationskontrolle oder im humanitären Sektor eingesetzt werden?
Durch den Einsatz künstlerischer Forschung zielt das Projekt darauf ab, die Zusammenhänge zwischen historischen Subjektivitäten und Schlussfolgerungen prädiktiver Systeme aufzuzeigen. Dies geschieht unter anderem mittels archäologischer Ansätze zur Erörterung der sozialen und technischen Konstitution prädiktiver Systeme, die für präventive Maßnahmen genutzt werden. Wie lässt sich die historische Bedingtheit von Vorhersagesystemen anhand ihrer Bestandteile aufschlüsseln? Wie sollte die Dependenz mathematisch sehr schwieriger Vorhersageprobleme, wie ökologische Katastrophen und Konflikte, verstanden werden? Und wie werden Methodologien in verschiedene Domänen übersetzt?
Zum Anfang des Projekts, finden 2026 ein Symposium und eine Präsentation eines Artist-in-Residence statt.