Die IfCAR-Förderung wird einer Reise nach Mosambik gewidmet, die einen grundlegenden Bestandteil meines künstlerischen Forschungsprojekts Expanded Spectropoetics, in Search of a Healing Disorder bildet. Dieses Projekt setzt sich durch bildnerische Praktiken mit den Verflechtungen von kolonialen und ökologischen Fragestellungen auseinander.
Im Zentrum der Arbeit stehen naturhistorische Sammlungen und ihre Geister, untersucht anhand des spezifischen Falls eines mosambikanischen Schmetterling, der nach einem Schweizer Missionar benannt wurde. Graphium junodi verkörpert – wie die meisten naturhistorischen Präparate – eine doppelte Realität: eine biologische, als Zeugnis der Vielfalt einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Raums, und eine politische, geprägt von den Spuren imperialer Geschichte. Mit dieser Reise werde ich zum Ursprung von Junodi zurückkehren und diese Dimensionen erforschen.
Die Feldforschung in Mosambik ist ein zentraler Bestandteil meines PhD-Projekts. In den ersten zwei Jahren habe ich mein Forschungsfeld in westlichen Sammlungen verortet, vor allem im Museum in Neuchâtel, das die Herkunftskontexte der Sammlungsobjekte untersucht (Provenienzforschung). Ich nahm an Teamsitzungen teil und zeichnete diese auf, führte Interviews mit Wissenschaftler:innen und filmte sowie fotografierte zahlreiche Präparate und Arbeitsprozesse. Diese Felderfahrung nährte die Entstehung geisterhafter Bilder, die sich über sinnliche Wahrnehmung an die Betrachtenden richten (vgl. Malaise I).
Darauf aufbauend unternahm ich Anfang 2025 eine erste Forschungsreise nach Mosambik, um die bevorstehende Feldforschung vorzubereiten und Kontakte mit dem naturhistorischen Museum sowie mit lokalen Institutionen, Forschenden und Künstler:innen in Maputo zu knüpfen. Dies wird eine längere Feldforschungsreise von sechs Wochen, die zwischen Mitte März und Ende April 2026 stattfinden soll. Eine Woche werde ich in Maputo verbringen, um die translokalen Verbindungen zu lokalen Institutionen und Fachpersonen weiterzuführen und zu vertiefen. Der Hauptteil des Aufenthalts wird in der Provinz Gaza stattfinden, wo sich die Missionare einst niederließen und Naturproben sammelten. Es handelt sich um ein Gebiet mit einer dichten Geschichte, bekannt dafür, einst von König Gungunhana regiert worden zu sein, dem letzten lokalen Herrscher, der sich der portugiesischen Kolonialmacht widersetzte. Die Schweizer Missionare unterhielten über Jahre hinweg enge und zugleich ambivalente Beziehungen zu ihm und seinem Volk, wobei jede Seite an der Medizin der anderen interessiert war und jeweils mit eigenen Glaubensvorstellungen und Wissenssystemen die Welt navigierte, die sich im Kontakt mit der anderen Seite veränderten. Ich werde Tonaufnahmegeräte und eine Bolex (16mm-Kamera) mitbringen und erst in den letzten zwei Wochen des Aufenthalts filmen.
In meinem PhD-Projekt erforsche ich, wie sich die heimgesuchte Dimension kolonialer und ökologischer Fragestellungen durch das Medium Film sichtbar machen lässt, und suche nach Bildpraktiken, die mit lebendigen und toten Erinnerungen in Beziehung treten. Durch die Arbeit vor Ort und das Verbringen von Zeit an diesem Ort möchte ich herausfinden, wie die Bewohner:innen dieser Region – menschliche wie nichtmenschliche – die Erinnerungen an die „Begegnung“ mit den Missionaren weiter entfalten und aktivieren und welche Teile davon sie in ihr tägliches Leben und ihre Vorstellungen von Zukunft integrieren. Ich frage danach, was von den Glaubensvorstellungen geblieben ist, die der Ankunft der Siedler vorausgingen, welche indigenen Wissenssysteme vor der Durchsetzung der westlichen naturwissenschaftlichen Klassifikation existierten, wie mündliche Traditionen dieses Wissen weitergeben, welche Bedeutung dem Nicht-Sichtbaren beigemessen wird und auf welche Weise das Unheimliche Teil zeitgenössischen Wissens ist. Ich möchte sehen, hören und fühlen, was aus dem Biotop geworden ist, in dem Junodi einst gefangen wurde, und aus dem Biotop, in dem es heute lebt.
An diesen Ort zu gehen und mehr Zeit dort zu verbringen, ist eine grundlegende Dimension des Prozesses der Dezentrierung – nicht nur im Hinblick auf das, was ich sehen und hören könnte, sondern auch, um latente Elemente zu erfassen, die in diesem Land und seinen Menschen, ihren Erinnerungen und Kosmologien eingeschrieben sind.
Grantee | Laurence Favre |
Projektpartner/Kooperationen | Rafael Mouzinho, curator of the Universidad Eduardo Mondlane’s art gallery (Maputo), Caldino Perema, Projecto Utopia Mafalala, Basilio Muchate, Centro de documentação e formação fotografica de Maputo |
Orte und Daten | März bis April 2026, Mosambik |
Weblink | www.lrncfvr.net |