FS 2027: Zeiten-Sprünge
«Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.» lässt Hugo von Hofmannsthal die Marschallin zu Beginn des Rosenkavaliers nach einer Nacht mit ihrem jugendlichen Liebhaber sagen, Richard Strauss’ Musik unterstreicht die Melancholie dieser Worte auf eindrückliche Weise. Auch wenn sie im Kontext der Oper auf eine bestimmte Situation bezogen sind und sich dadurch auf das Altern des Menschen beziehen, haben diese Worte bei näherem Hinsehen eine noch sehr viel umfassendere Bedeutung. «Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie.» fährt Hofmannsthal fort. Vielleicht ist das Altern in der Tat der sonderbarste Aspekt der Zeit für den Menschen, aber wenn man einen Augenblick innehält und nicht «hinlebt», eröffnet sich eine Fülle von unterschiedlichen, und sehr viel allgemeineren Aspekten des Phänomens.
Innerhalb der Künste scheint die Musik ganz besonders von der Zeit betroffen zu sein. Sie ist eine Kunstform, die ohne die Zeit gar nicht existiert! Sie wird geschaffen, um in der Zeit zum Erklingen gebracht zu werden. Natürlich will Goethes Faust auch auf die Bühne, aber er kann auch «nur» gelesen werden. Bei Beethovens «Neunter» ist das nicht annähernd so evident. Die Mona Lisa lächelt auch nach den Öffnungszeiten des Louvre, der Walkürenritt ist nach spätestens 5 Minuten ausgeritten. Und schon ergeben sich zahlreiche Folgefragen dieses «sonderbaren Dings»: wieviel Zeit soll Beethovens «Neunte» eigentlich beanspruchen? Wie lange sollen die Walküren genau reiten? Kann und darf diese Zeitspanne variieren? Die Mona Lisa ändert ihr Lächeln seit da Vinci nicht mehr, warum sollten dann plötzlich die Walküren plötzlich schneller oder langsamer reiten, Beethoven ein paar Minuten früher oder später in der Zeit beanspruchen? Sofort tut sich ein Abgrund an Zeit-Fragen auf. «Dann auf einmal, dann spürt man nichts als sie.»
Im Studienjahr 2026/27 wollen wir uns diesem Abgrund nähern und versuchen, das «sonderbar Ding» unter den unterschiedlichsten Aspekten zu reflektieren. Im Herbstsemester werden wir uns vertieft mit Zeit-Zeugnissen und Zeit-Zeugen beschäftigen. Was sagen uns historische Dokumente jeglicher Form zum Umgang mit Zeit in vergangener Zeit? Wie können sie uns helfen historische Zeit in späterer Zeit zu verstehen? Vielleicht können sie uns auch gar nicht helfen, aber «wenn man so hinlebt», wird man es nicht wissen. Im Frühlingssemester werden wir uns eingehender mit den Tücken der historisch-geschichtlichen Zeit beschäftigen, denn auch dort sind die Abgründe nicht weniger tief: die französische Revolution etwa, führt einen so offensichtlich groben Einschnitt in der Zeit vor Augen, so dass wohl niemand die Abruptheit der gesellschaftliche Relevanz und den daraus resultierenden Veränderungen leugnen kann. Aber wie steht es mit den vielen leisen Umbrüchen in der geschichtlichen Zeit, vor denen Eichendorff so deutlich mit den Worten «hüte dich, bleib’ wach und munter!» warnt. Sind diese viel leiseren Zeiten-Sprünge nicht manchmal sogar gravierender als die vermeintlich lauten?
Das komplexe «Ding» Zeit werden wir natürlich nur in bescheidenen Aspekten andenken können, für mehr ist es zu «sonderbar». Aber ein Bewusstsein für die unterschiedlichen Problematiken der Zeit, insbesondere im Falle der Musik, zu entwickeln, ist sicher eine gute Idee – bevor man «nichts als sie» spürt.