Praktiken der künstlerischen Intervention


bblackboxx: Ein Kunstort als Gegenperformance gegen eine Abschreckungsinszenierung der Asylpolitik
bblackboxx (Basel)

Seit rund sieben Jahren betreiben Kunst- und Theorieschaffende in wechselnden Formationen einen Raum im Grenzland von Basel und in unmittelbarer Nachbarschaft eines Komplexes, der aus einem Auschaffungsgefängnis und einem Empfangszentrum besteht. Das Zentrum gleicht einer totalen Institution. Die Asylsuchenden werden aufgrund der Lage und der beschränkten Ausgehzeiten weitgehend vom öffentlichen Leben isoliert

bblackboxx behauptet in diesem Kontext einen solidarischen und emanzipatorischen Raum mit Projekten, die sich sowohl an die Asylsuchenden als auch an die Menschen aus der Stadt richten. bblackboxx ist auch ein informeller Lernort, wo im direkten Austausch zwischen allen Beteiligten Wissen entsteht und in Umlauf gebracht wird.

Einige Aktive des bblackboxx-Netzwerks erzählen von Projekten aus den vergangenen Jahren und stellen zur Debatte, welche Rolle der Kunst hier zukommt, gerade weil sie in einem prekären Kontext scheinbar überflüssig ist.

Mit Jonas Gillmann, Goce Gligurovski, Almut Rembges, Anja Rüegsegger, u.a. 

26. Februar 2014, 19:00
Autonome Schule Zürich
Badenerstrasse 565
8048 Zürich

Stories your guide won’t tell you about…
Tal Adler (Wien)

Tal Adler has been hacking and pranking Israeli politics since 1998. His main themes there were the representations of politics (and the politics of representation), alternative and subversive politics and activist-driven creative tactics. Since 2010 he is exploring the politics of memory and history in Austria under a state funded research project. His travelogue lecture will take you on a whirling trip through immigrant absorption centers in Jerusalem, a refugee camp in Bethlehem, Bedouin villages in the Negev desert to Ski schools and hikers’ huts in the Austrian Alps, highlighting those stories most tourist guides won’t tell.

Vortrag in englischer Sprache

5. März 2014, 19:00 Uhr
Shedhalle
Rote Fabrik
Seestrasse 395
8038 Zürich

Viehofner Seen, St. Pölten, Niederösterreich, 2012. Das Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden während des zweiten Weltkrieges, in den 1960ern vom Wasser des Schotterabbaus überflutet und 2005 von der Stadt St. Pölten in ein Erholungsgebiet umgewidmet. Im selben Jahr tauchte seine Geschichte dank des Schriftstellers Manfred Wieninger, gefolgt von Kunstprojekten von Catrin Bolt und Tatiana Lecomte teilweise wieder auf.

The Side Room
Rosella Biscotti (Brüssel)

Die italienische Künstlerin Rossella Biscotti hat mit ihren ebenso präzisen wie komplexen, erinnerungspolitischen und feministischen Projekten unter anderem an der manifesta 9 (2012), an der documenta 13 (2012) und an der Biennale di Venezia 2013 teilgenommen. In ihrem Vortrag im Rahmen der "Praktiken der künstlerischen Intervention" wird Biscotti vor allem die im Sommer 2013 parallel in Venedig und der Wiener Secession entwickelte Installation The Side Room vorstellen.

Vortrag in englischer Sprache

12. März 2014, 19:00 Uhr
Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
Förrlibuckstrasse 62, 8005 Zürich
Forum, 2. OG

Rossella Biscotti, I dreamt that you changed into a cat...gatto...ha ha ha, Photo documentation of the dream workshop, Female Prison of Giudecca 2013, Courtesy the artist.

Abstandnahme vom Eigenen.
Zur Arbeitsweise von Tim Zulauf/KMUProduktionen
Tim Zulauf/KMUProduktionen (Zürich)

Samuel R. Delany, Science-Fiction Autor und Experimentator in Lebensweisen, hat Schreiben als Ausdehnung von Empathiefeldern beschrieben. Nicht zuletzt Romane hätten einer Oberschicht im 18. und 19. Jahrhundert zugänglich gemacht, dass und wie andere Schichten leben und empfinden. Solche Veränderungen des Mitfühlvermögens bedeuten gleichzeitig Abstandnahmen vom Eigenen. Delanys Romane wie Hogg und Trouble on Triton deuten noch weiter: Verlässliches Wissen findet sich nicht mehr aufgrund von eigenen Positionen. Es bildet sich im ungewissen, abjekten Bereich zwischen Identitäten.

Die Arbeiten von Tim Zulauf/KMUProduktionen versuchen möglicherweise Ähnliches: Sei es durch lose Gruppenverbände, in denen die Arbeitsidentitäten der Mitwirkenden als Schreibende, Spielende etc. verunklart sind. Sei es in installativen Dramatisierungen, die politische Umstände und historische Gegebenheiten von Orten befremdlich-anders verknüpfen. Dabei verschieben sich – zusammen mit der eigenen Sprechposition – stereotype Vorstellungen von Pflege- und Sexarbeit, Milieupolizei, bettelnden Roma oder Stadtplaner_innen.

Die Präsentation und der Workshop versuchen anhand von Beispielen, Prozesse der De-Identifikation genauer zu formulieren und ihre Möglichkeiten und Grenzen zur Sprache zu bringen.

2. April 2014, 19:00 Uhr
Atelier Tim Zulauf/KMUProduktionen
Magnusstrassse 5
8004 Zürich

Andreas Storm in: Striche durch Rechnungen – Zur stadträumlichen Verlagerung von Sexarbeit in Zürich (Les Complices* 2013). Foto: Andrea Thal

Voll krass politisch!
Über das ungute Gefühl, immer auf der richtigen Seite zu sein
Marina Belobrovaja (Zürich)

Seit mehreren Jahren konzentriert sich die Arbeit von Marina Belobrovaja auf die Konzipierung per­formativer Interventionen im öffentlichen Raum, die Phänomene aus der Ar­beits- und Konsumwelt, Fragen der Gesetzgebung und der Migration verhandeln. Mit der unmittelbaren Verortung der Projekte im Alltag bewegt sich Belobrovajas künstlerische Praxis stets entlang der Grenze zwischen In­sze­nierung und Realität. Ihren Arbeiten zugrunde liegende sozialpolitische Kontroversen werden hierbei von realen Akteuren ausgetragen, die in den geschaffenen Konstellationen nicht länger in den tradierten Rollen von ZuschauerInnen und Teilnehmenden agieren. Vielmehr werden sie im Rahmen ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Funktionen – als Beamte (in Nombers, Names & Love / 2009), TouristInnen (MultiKulti-Tours / 2011), KonsumentInnen (u.a. Dinner for two / 2009), JournalistInnen (u.a. Öffentliche Abschiebung / 2007) etc. – in das Geschehen gezielt eingebunden, etwa dann, wenn die bedürftigen Temporärangestellten für die Stromversorgung einer Party schwitzen (Party Manual / 2005-2007), oder wenn sich der Eidgenössische Wettbewerb für Kunst in ein Pferderennen verwandelt, in dem über die Chancen der teilnehmenden Kunstschaffenden mit barem Geld spekuliert wird (Kunstwette / 2010).

In ihren jüngsten Projekten greift Belobrovaja auf das Videointerview als Arbeitsmedium zurück (The DNA-Project / 2012, Warm-Glow / 2013), wobei nicht länger die Live-Intervention, sondern zunehmend ihre Dokumentation in den Mittelpunkt der Arbeit gerückt werden.

Marina Belobrovaja ist 1976 in Kiew geboren. Nach ihrer Emigration nach Israel und der späteren Übersiedlung nach Deutschland studierte sie Bildende Kunst in Berlin und Zürich. Neben der künstlerischen Arbeit promoviert sie zurzeit an der Muthesius Kunsthochschule Kiel zur aktuellen politisch engagierten Aktionskunst in der Schweiz. Sie lebt in Zürich.

9. April 2014, 19:00 Uhr
Dittinghaus
Hafnerstr. 39/41
8005 Zürich

Bild: 20 Minuten (7.08.2007)

Archiv Praktiken der künstlerischen Intervention
HS 2013FS 2013HS 2012

Archiv Ästhetik@Subversion
2012
 | 2011 | 2010 | 2009