Referate

DONNERSTAG 09:20  

Dokumentarfilm und Regie: ein Widerspruch? 
von Christian Iseli

Bis in die neunziger Jahre wurde im deutschsprachigen Raum der Begriff ‹Regie› im Dokumentarfilm mehrheitlich vermieden. Im damaligen Verständnis der Filmschaffenden klang das schon zu sehr nach manipulierter Wirklichkeit. Bevorzugt wurde eher die Bezeichnung ‹Realisation›. Unterdessen hat sich ein vielfältiger Wandel vollzogen. Die Grenzen des Dokumentarischen weiteten sich aus, und eine verstärkte Affinität zu Verfahren des Spielfilms wurde sichtbar. Dennoch stellt sich für Dokumentarfilmschaffende weiterhin die zentrale Frage, was für sie ‹Regie führen› bedeutet. – Wie viel greifen sie ein? – Bis zu welchem Grad inszenieren sie, wenn sie einen Film machen?

Im Einführungsreferat werde ich aus der Sicht der Praxis grundlegende Regie-Entscheide in der dokumentarischen Arbeit darlegen. Dabei steht einerseits das Ausmass der inszenatorischen Eingriffe beim Drehen (es soll aber explizit nicht um Re-enactments gehen) und andererseits die Reduktion komplexer Wirklichkeitsausschnitte auf narrative Schemata während der Montage im Vordergrund. 

Mit der aufgezeigten Bandbreite der gestalterischen Entscheidungsprozesse wird ein Diskussionsfeld für die Diskussionen und Auseinandersetzungen der -Tagung eröffnet.

Christian Iseli ist freischaffender Filmemacher und Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, Fachrichtung Film. Seit dem Studium der -Geschichte, Germanistik und Anglistik in Bern macht er Dokumentarfilme und arbeitet in den Bereichen Schnitt und Kamera. Leiter der Zürcher Dokumentarfilmtagung ZDOK. [Mehr]


DONNERSTAG 10:20

Plötzlich diese Evidenz des dokumentarischen Bildes ... 
von Margrit Tröhler  

Wenn sich seit einigen Jahren die Grenzen zwischen Fiktion und Nichtfiktion hinsichtlich Sujetwahl, Dramaturgie, Inszenierung (oder Reenactment), Stil und Postproduktion verwischen, dann wird dies oft als postmoderne Spielerei gedeutet – oder, ernsthafter, auf ein grundlegendes Misstrauen gegenüber dem dokumentarischen Bild zurückgeführt, ein Misstrauen, das mit den digitalen Technologien noch zunehme. Doch seit wann werden diese Grenzen überhaupt als solche wahrgenommen? Seit wann spricht man dem dokumentarischen Filmbild Evidenz zu, seit wann verlangt man von ihm Authentizität? Und was bedeuten diese Begriffe; worüber sollen sie uns versichern?

Vom frühen Kino über den klassischen Dokumentarfilm (Grierson) bis nach dem Zweiten Weltkrieg wandeln sich das Verständnis und die Funktion nichtfiktionaler Bilder immer wieder. Sie machen Sachverhalte anschaulich, die sich in der Wirklichkeit abgespielt haben (Evidenz), sie erheben Anspruch auf Wahrhaftigkeit (Authentizität). Sie werden aber auch in verschiedenen Kontexten instrumentalisiert (Werbung, Propaganda). Die Idee der Objektivität, des Index und der Evidenz dokumentarischer Bilder – wie wir sie heute verstehen – tritt dabei erst relativ spät auf den Plan und zwar vor ab als politisches Statement.

Der Vortrag thematisiert diverse Stationen der Dokumentarfilmgeschichte bis zum Direct Cinema, indem er nicht nach einer ontologischen Definition des nichtfiktionalen Bildes fragt («was ist ein dokumentarisches Bild?»), sondern auf Wahrnehmung, Funktion und Gebrauch von nichtfiktionalen Filmen zielt und sie in pragmatische Zusammenhänge einbettet («was kann ein dokumentarisches Bild?»).

Margrit Tröhler ist Professorin am Seminar für Filmwissenschaft der -Universität Zürich mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen Narratologie, Figurentheorie, Fiktion-Nichtfiktion, Found-Footage Filme, Filmtheorie der Zwanzigerjahre in Deutschland und Frankreich sowie andere Aspekte der Theoriegeschichte.  [Mehr]


DONNERSTAG 11:30   

Filme lesen mit Roger Odin
von Anja-Magali Trautmann

Film sei Text. Text basiert auf Zeichen. Folglich basiert Film auf Zeichen. Zeichen muss man lesen können. Um Zeichen zu entschlüsseln braucht der Leser Codes. Was für Codes braucht nun der Zuschauer, um einen Film lesen zu können? Die Gedankengänge der Zeichendeuter (Semiotiker) erster Stunde, darunter der große Meister Christian Metz, brachten Roger Odin im Jahr 1983 auf die Idee, dass jeder Film einer bestimmten Lektüre unterworfen sei, nämlich  entweder einer fiktivisierenden oder einer dokumentarisierenden. Doch damit nicht genug, dachte der französische Filmwissenschaftler weiter, denn wie erklärt sich mit dieser pauschalen Einteilung das Phänomen, dass der Zuschauer bei der Betrachtung eines Dokumentarfilms ebenso eine fiktivisierende Lesart anwenden könne? Und andersherum im Spielfilm eine dokumentarisierende? Es muss innerhalb des jeweiligen Präsentationsrahmens Signale geben, die ihm weitere Anweisungen geben (Pragmatik). 

In bald 30 Jahren filmwissenschaftlicher Arbeit versucht Odin diesen beiden Seiten mit seiner Semiopragmatik gerecht zu werden und sie in einem theoretischen Konzept – seinem «Werkzeug», wie er sagt – zusammenzuführen. In meinem Vortrag lege ich die Entwicklungsgeschichte von Odins Theorie dar, erläutere ihre Stärken und Schwächen, und werde anhand von aktuellen Fallbeispielen aufzeigen, wie das  Werkzeug verstanden, weitergedacht und insbesondere für die Dokumentarfilmanalyse fruchtbar gemacht werden kann.

Anja-Magali Trautmann (geb. Bitter) studierte Filmwissenschaft und Romanistik an der Freien Universität Berlin und an der Université de la Sorbonne Nouvelle in Paris. Seit 2008 ist sie Teil der Doktorandengruppe “Die Textualität des Films” an der -Universität Bremen und arbeitet gegenwärtig an ihrer Dissertation mit dem Thema «Film. Sprache. Wirklichkeit. Wie erzählt nichtfiktionales Kino?». [Mehr]


DONNERSTAG 15:15  (English)

How I avoided a Professional Catastrophe
in a Vodka Factory in Russia.

von  Jerzy Sladkowski

What was meant to be a documentary comedy in the spirit of Chekhov became a sad portrait of women fighting for their dreams in the hostile environment of a Russian province.  I had done everything by the book – I found a great story and charming heroes, I made a strong trailer, wrote a good treatment that convinced my financiers to give me the funding I asked for. So when I arrived one late winter day in 2009 in the provincial Russian town of Zhigulyovsk, 1,000 km south-east of Moscow – happy and proud, accompanied by a professional film crew – I was met with an unpleasant surprise.  My charming heroes were not there anymore, my story no longer existed and there was no way of reconstructing it with new heroes. I had to start from scratch or give up the project.  

The only thing that was left was the female collective in the local vodka factory, about 25 tough girls whom I knew from the first visit. I gave the crew a few days offand spent hours and days with those women listening to their stories. And I met a mother and adaughter, a buss conductor and bottle sorter. They agreed to cooperate with me and the collective promised to join the project as well. The women understood my wish was to portray their life as it was and they accepted the fact that I focused my film on only a few of them. More than that, I realized they were taking a kind of personal responsibility for the film, -constantly feeding me with new facts and new ideas when they felt something was wrong. It was a very rare experience, such co-operation, and it taught me again, like many times before, how crucial the close relation to the characters is in documentary filmmaking. It was very demanding. The women had different backgrounds, ages and appearances; there were internal fights; bullshit and gossip wandered around, but somehow the pact between me and them survived all those challenges.  – How I dealt with it is the subject of my lecture.

Jerzy Sladkowski arbeitete zehn Jahre für das polnische Fernsehen und emigrierte 1983 nach Schweden. Er ist Autor und Regisseur von mehr als 40 Dokumentarfilmen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen (u.a. Europäischer Filmpreis 1996). Vodka Factory wurde 2010 in Leipzig mit der Goldenen Taube ausgezeichnet.  [Mehr]


FREITAG 10:45 (English)

The Art of Directing Coincidences
von Mia Halme

I am proud to say that I am a director but on the other hand I am a bit confused by the question of exactly how and what I direct. Some viewers of my films have asked even harder question: which sequences of my film are directed and which are real? First of all I direct my characters to be themselves in spite of the camera, or in other words, to act as themselves. While I capture their actions and interactions, I also direct coincidences that happen in front of and around my camera by trying to connect and match them into the film. When I look at it, I actually direct every bit of reality that is associated with my film by adducing and associating them with other pieces of reality. But on the other hand I am a slave of that very same reality. There is only a very limited way in which I can cross the border between documentary and fictional storytelling. I found these limits during filming and in the editing room. Some of them are strongly related to my emotional bond with my main characters.

Pier Paolo Pasolini formed an expression that I can relate to a lot: «cinema of poetry». In connection with my work I use it to refer to the skill of handling all elements of filmmaking – characters, visualization, the structure of narration and sound – in alternative ways. For me this is mainly related to a way of storytelling that is not based on an action driven plot. I focus on finding connections between elements of action and I love the tension that I am free to establish between these elements. 

Mia Halme studierte Film an der University of Art and Design Helsinki und arbeitet seither als unabhänige Filmschaffende. Mit Forever Yours gewann sie unter anderen den Preis für die beste Regie am Festival Visions du Réel in Nyon. [Mehr]


FREITAG 13:30   

Wie Dokumentarfilme uns emotional anregen: Vodka Factory & Forever Yours 
von Tina Naber


 
Viele Dokumentarfilme verfolgen heute einen ganz ähnlichen Anspruch wie Spielfilme: Sie wollen uns mit ihren Geschichten unterhalten und uns emotional in das Geschehen involvieren. Doch wie geschieht das genau? Welche Mittel stehen dem Dokumentarfilm zur Verfügung? Wie unterschiedet er sich hierin vom Spielfilm und welche Gemeinsamkeiten gibt es? 

Auf diese Fragen wird Tina Naber in ihrem Vortrag anhand der Filme FOREVER YOURS (Regie: Mia Halme) und VODKA FACTORY (Regie: Jerzy Sladkowski) -eingehen.  Beide Filme stehen stellvertretend für den Trend im Kinodokumentarfilm persönliche, anrührende oder dramatische Geschichten zu erzählen, in denen es um Menschen, ihr Leben und Schicksal geht. Dabei kommen sie dem Spielfilm sehr nah. Ausgehend von filmtheoretischen und emotionspsychologischen Konzepten wird Tina Naber die beiden Filme exemplarisch auf ihre emotiven Wirkungen analysieren.  Da diese Filme ihre Protagonisten in den Mittelpunkt stellen, spielt besonders die Anteilnahme durch Sympathie- und Empathieprozesse eine entscheidende Rolle bei der emotionalen Beteiligung des Zuschauers. Diese Prozesse müssen im Zusammenhang mit der Narration mitsamt ihrer Informationsvergabe und Krisenstruktur sowie mit der Informationsverarbeitung und den Bewertungsprozessen des Rezipienten betrachtet werden. Auch Wechselwirkungen mit anderen emotiven Prozessen gilt es dabei zu berücksichtigen. 

Tina Naber studierte Medienpädagogik und Psychologie an der Universität Bielefeld sowie Film- und Fernsehwissenschaft an der Filmhochschule HFF in Potsdam. Dort untersuchte sie die emotionale Wirkung von Dokumentarfilmen und veröffentlichte die Ergebnisse ihrer Diplomarbeit in dem Buch «Dokumentarfilm und Emotion». Seit Studienabschluss arbeitet sie als Filmemacherin und Creative Producer für Dokumentarfilme und Reportagen. [Mehr]


FREITAG 14:30 

Wie ich schon immer inszeniert habe
von Samir

In meiner Jugend verblüffte mich ein Paradoxon der Quantenphysik: man kann ein Atomteilchen, welches sich um seinen Kern dreht, zwar beobachten, aber durch die Beobachtung gleichzeitig nicht mehr genau bestimmen, wo sich das Teilchen befindet. Als ich zum Film kam, begann dieses Phänomen für mich Sinn zu machen. Denn jedes Mal, wenn ich als Assistent den Kamera--Apparat aufstellte, begann die Umgebung sich zu verändern. Alles was vorher seinen ‹normalen Gang› ging, begann sich auf mich – den Beobachter – einzustellen.

Als ich dann meine eigenen Filme zu realisierte, war für mich aufgrund dieser Erfahrung klar, dass alles, was ich vor der Kamera vorfand und aufnahm, schon eine Intervention in die realen Verhältnisse bedeutet. Für mich war es logisch, dass ich diese ‹Manipulation› als Regisseur auch sichtbar machen wollte. Dies geschah vor allem auf formaler Ebene, was bei meinem ersten langen Kinofilm BABYLON 2 die Kritik der gestandenen Dokumentarfilmer hervorrief.

Die Frage der Inszenierung stellte sich deshalb für mich nie. Jede filmische Arbeit war für mich von Anbeginn eine Intervention und deshalb auch eine -Inszenierung. Da meine erste Arbeit als Filmemacher ein Spielfilm war, gab und gibt es für mich keinen grossen Unterschied zur Arbeit beim Dokumentarfilm. Das beginnt mit der Auswahl der Darsteller (Casting), geht weiter mit -Fragestellungen an die Protagonisten (die Rekonstruktion der Charaktere und ihrer Psychologie) und danach mit der Umsetzung der Handlungen und Inhalte vor der Kamera (Inszenierung, bzw. Mise en Scène). Dass die Inszenierung auch beim Schnitt weiter geht, muss wohl nicht weiter ausgeführt werden.

Samir übernahm Mitte der Neunziger Jahre zusammen mit dem Dokumentarfilmer Werner Schweizer die Produktionsfirma Dschoint Ventschr in Zürich. Samir realisierte und produzierte zahlreiche Dokumentar- und Spielfilme und arbeitet auch im Theater- und  [Mehr]