ZDOK.08              «Wir brauchen radikale Filme ...»

Im Gespräch: Urs Augstburger (SF DRS), Bea Cuttat (Look Now!), Tamara Milosevic («Zur falschen Zeit am falschen Ort»), Jean Perret (Visions du Réel) und Andres Veiel («Der Kick»). Moderation: Lucie Bader Egloff.


Lucie Bader Egloff:
Wir haben uns bisher mit den filmischen Strategien auseinandergesetzt. Dabei wurde betont, dass Authentizität erst im Kopf des Zuschauers entsteht. Jean Perret, für Ihr Festival Visions du Réel werden jedes Jahr 1600 Filme angemeldet, rund ein Zehntel davon ist dann im Programm zu sehen. Ist Authentizität ein Kriterium bei der Auswahl?


Jean Perret: Sicher. Ich möchte ein paar grundsätzliche Überlegungen anstellen. Wir leben in einer Bilderwelt, in der wir nicht mehr Fuss fassen. Wir verlieren unsere Wurzeln, wir haben kein Vertrauen mehr in die Bilder. Die Schönheit, die Komplexität der Welt wird durch die globalisierten Medien in eine glitzernde Oberfläche verwandelt, die kaum etwas über die Tiefe und Komplexität aussagt. Filmemacherinnen und  Filmemacher wollen das Reale in Realitäten umwandeln und Geschichten erzählen. Diese Realitäten müssen für uns Zuschauer glaubwürdig sein. Wir suchen nach dem Duft des Lebens, wie er von den Menschen wirklich erlebt wird. Das zu ermöglichen, ist eine Frage der künstlerischen Mittel und des Blickwinkels. Statt von Dokumentarfilm spreche ich von Cinéma du réel, weil der Begriff breiter ist und unterschiedliche Subjektivitäten zulässt. Dokumentarfilm bedeutet oft eine scheinbare Objektivität, er gibt vor, dass es Filme ohne Lücken gibt. Die Herausforderung der Filmschaffenden besteht darin, dass sie die richtige Distanz finden zwischen ihrem Blickwinkel und den Protagonisten, die sie filmen. Es geht darum, eine Welt, einen Raum des Spektakels, eine Geschichte zu kreieren. Der Raum kommt in Kontakt mit dem Raum des Zuschauers…

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