Interview mit Henk Borgdorff

Künstlerische Forschung heute: Künstler sind reflexive Praktiker

KünstlerInnen und TheoretikerInnen verschiedener europäischer Kunsthochschulen diskutieren am 23. und 24. April 2009 an der ZHdK über „künstlerische Forschung“ in den Bereichen Kunst, Design und Musik. Unter ihnen Henk Borgdorff, Professor für Kunsttheorie und Forschung an der Amsterdam School of the Arts sowie Research Fellow an der Royal Academy of Art und am Royal Conservatoire in Den Haag. Interview: Tan Wälchli* 

Sie betonen, dass die Debatte um künstlerische Forschung eine politische und eine philosophische Seite hat. Wie unterscheiden Sie die beiden Aspekte?

HB: Im Zuge des sogenannten Bologna-Prozesses wurde das Thema „Forschung“ in einen Hochschulbereich eingeführt, der bis vor Kurzem hauptsächlich auf Berufsausbildung ausgerichtet war. Die politische Frage ist, ob dies ein Diktat von aussen darstellt oder ob es für Kunsthochschulen eine Chance und Herausforderung sein kann. Ich vermute, dass die künstlerische Forschung es ermöglicht, innerhalb der Ausbildung einen Freiraum für so etwas wie „materielles Denken“ zu schaffen. Und mit diesem Begriff befinden wir uns sofort inmitten einer kontroversen philosophischen Diskussion: Lässt sich eine Art von Forschung theoretisch legitimieren, bei der die künstlerische Praxis für den Forschungsprozess zentral ist? Weil es aber um Geld und Macht geht, droht die Debatte durch Positionen beeinträchtigt zu werden, die, um gewisse Ziele zu verfolgen, die politische und die theoretische Fragestellung miteinander vermischen.

Die Diskussion um künstlerische Forschung hält nun seit 10, 15 Jahren an. In welchen Punkten besteht heute Ihrer Ansicht nach ein Konsens, und welches sind die wichtigen offenen Fragen?

HB: Ich denke, die Leute sind sich einig, dass KünstlerInnen zu Beginn des 21. Jahrhunderts „reflexive PraktikerInnen“ sind, wie Donald Schön es nennt, und dass die Ausbildung an Kunstschulen, Konservatorien, Theaterschulen etc. deshalb einen Anteil an Reflexion und Theorie enthalten muss. Dabei gibt es meiner Ansicht nach besonders drei drängende Fragen: erstens den Status und die Bedeutung von Theorie im Verhältnis zur künstlerischen Praxis, zweitens das Verhältnis zwischen dem Diskursiven (Erklärenden) und dem Künstlerischen (Demonstrierenden) sowie drittens das Problem der Qualität.

Können Sie etwas mehr zu diesen drei Punkten sagen? Beginnen wir vielleicht mit der Diskussion um Theorie und Praxis.

HB: Gemäss einem instrumentalistischen Ansatz liefert die Theorie Werkzeuge und Materialkenntnisse, die man anwenden muss, um Kunst machen zu können. Beispiele sind etwa die Theorie der Montage im Kino oder die Theorie von Harmonie und Kontrapunkt in der Musik. Interessanter sind aber Ansätze, die davon ausgehen, dass es in den Künsten keine grundsätzliche Trennung zwischen Theorie und Praxis gibt. Künstlerische Forschung würde demnach eine Art Wissen zu artikulieren suchen, das bereits im kreativen Prozess beziehungsweise im Kunstwerk enthalten ist und unabhängig davon gar nicht existiert.

Wie unterscheiden Sie die diskursive und die künstlerische Ebene? Und wieso ist die Verbindung der beiden ein kontroverses Thema?

HB: Die meisten Leute sind der Ansicht, dass irgendein diskursives Element zur Forschung gehört, um die Prozesse und Resultate einem Publikum verständlich zu machen. Einige denken aber auch, dass die resultierenden Produkte und Praktiken ausreichen. Die Frage hängt mit einer zweiten zusammen, nämlich inwiefern der nicht-konzeptionelle Inhalt, den die künstlerische Forschung artikuliert, überhaupt ohne Verlust in Sprache übertragen werden kann.

Worum geht es bei der Qualitäts-Kontroverse?

HB: In der Kunstwelt und in der Akademie herrscht im Moment eine manchmal berechtigte Skepsis gegenüber den Erzeugnissen der künstlerischen Forschung, sei es gegenüber den produzierten Werken oder gegenüber der Rechtfertigung des gewonnen Wissens. Vor allem wenn sich zeigen sollte, dass die künstlerischen Produkte hinter das zurückfallen, was in der Kunstwelt als wert- und bedeutungsvoll gilt, würde die künstlerische Forschung ihre Berechtigung verlieren.

Kürzlich definierten Sie in einem Artikel die künstlerische Forschung als Untersuchung von „Kunstobjekten und kreativen Prozessen“. Heisst das, dass das Forschungsobjekt notwendig die Kunst selbst ist, und nicht etwa aus politischen oder sozialen Themen besteht?

HB: Ja, Künstlerische Forschung beschäftigt sich notwendig mit Kunst. Aber dies schliesst nicht aus, dass zugleich auch andere Themen behandelt werden. Es hängt von der jeweiligen Kunstform ab. Materialforschung in der Keramik beispielsweise oder praxisbasierte Forschung über die Aufführung früher Musik hat nicht den Anspruch, über die Disziplinengrenzen hinauszugehen. Andererseits beschäftigt sich heute ein Grossteil der visuellen und performativen Kunst mit anderen Lebensbereichen: mit Geschlechterrollen, Globalisierung, Identität, Umwelt, Aktivismus etc. Wird das ästhetische Projekt mit Fragen und Themen aus solchen weiteren Lebensbereichen kombiniert, könnte man von transdisziplinärer künstlerischer Forschung sprechen.

Betreffend der Unterscheidung von künstlerischer Forschung und Kunst als solcher haben Sie argumentiert, dass die Forschung „unser Wissen und unser Verständnis durch eine neuartige Untersuchung erweitert“. Ich frage mich jedoch, ob nicht jedes Kunstwerk eine solche Neuheit anstrebt?

HB: Das Kriterium ist hier weniger die Neuheit, als vielmehr das Wissen und das Verständnis. Kunst als solche wird nicht in der Absicht produziert, Wissen zu erzeugen, sondern, wie man sagen könnte, um unser künstlerisches Universum zu erweitern: durch neue Bilder, Narrative, Klänge, Erfahrungen etc. Während die Forschung den Wissensstand zu erhöhen sucht, geht das Neue in der Kunst aus einem dynamischen Zusammenspiel zwischen KünstlerInnen, KritikerInnen, dem Kunstmarkt und dem Publikum hervor, wobei ästhetische Bewertungen wichtiger sind als rationale Erklärungen. Künstlerische Forschung nun zielt auf beides zugleich: unser Wissen zu erhöhen und unsere Welt durch neue Artefakte zu bereichern.

Ist Künstlerische Forschung ein Mittel, um die Qualität der Kunst als solche zu erhöhen?

HB: Ja, Künstlerische Forschung kann dazu beitragen, die Qualität von Kunst zu steigern, oder sie kann zumindest eine Auswirkung darauf haben, wie Kunst produziert, dokumentiert, kommuniziert, verbreitet und bewertet wird. Ich schliesse nicht aus, dass sich im Zuge der künstlerischen Forschung unser Verständnis davon, was Kunst ist, in nächster Zeit verändern könnte.

* Tan Wälchli ist Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds. Für die ZHdK ist er als Co-Herausgeber des Jahrbuchs der Künste tätig (tan.waelchli(at)zhdk.ch). Das Interview wurde geführt für Zett, das Magazin der Zürcher Hochschule der Künste.